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Johann Gottlieb Naumann (1741 - 1801)naumann
Komponist und Hofkapellmeister

Nicht weit vom mittleren Längsweg steht im Feld D ein auffälliges, vom Bildhauer Franz Pettrich geschaffenes, aus Sarkophag, abgebrochener Säule und angelehnter Tafel bestehendes Grabmal für einen gebürtigen Blasewitzer, den Komponisten und Kapellmeister Johann Gottlieb Naumann (17. April 1741-23. Oktober 1801).

Ein Abguss der stehenden Platte befindet sich seit Juli 1997 in der Loschwitzer Kirche. Der kaum noch lesbare Text unter dem Apoll mit der Lyra wurde vom Appellationsrat Christian Gottfried Körner, dem Vater Theodor Körners, verfasst und lautet:

    *
      Nur auf des Meisters Geboth entsteht im Reiche der Töne,
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      Was den Denker erfreut, wie es den Hörer entzückt;
    *
      Aber dieß genügte Dir nicht; an dessen Grabe wir trauern.
    *
      Hoch über irdischen Dienst hobst Du den Zauber der Kunst;
    *
      Seele sprach zur Seele, die Schranken der Endlichkeit schwanden,
    *
      Und in der Seligen Reih’n lohnt Dir die Palme dafür.
    *
    *

Naumann stammte aus kleinen Verhältnissen, bildete sich in Italien grundlegend musikalisch aus, wurde zum Kurfürstlich-Sächsischen Hofkapellmeister ernannt und als Kirchen- wie als Opernkomponist gefeiert. Er reformierte aber auch die Stockholmer und Kopenhagener Oper, so dass bis heute sein Ruf in Skandinavien den in Deutschland übertrifft. In den letzten Jahren kann hierzulande eine wachsende Renaissance seines Oevres verzeichnet werden. Seit dem 24. April 1991 macht dank des Engagements eines Mitgliedes der Sächsischen Staatskapelle auch die wiederangebrachte Gedenktafel Naumanns am Blasewitzer Rathaus auf den bedeutenden Künstler aufmerksam; die daran vorbeiführende Straße trägt schon seit langem den Namen des Komponisten. Dessen vornehmes 1776/1777 erbautes Palais neben dem ärmlichen, 1901 abgebrochenen Häuschen seiner Eltern sank wie so viele Kulturgüter 1945 in Schutt und Asche. Seit Januar 1995 nimmt sich nunmehr die Naumann-Gesellschaft e. V. der Werkpflege ihres Namensträgers an.

Der Dresdner Hofkapellmeister Johann Gottlieb Naumann, der noch heute in seiner Heimatstadt als einer ihrer bedeutendsten und berühmtesten Söhne verehrt wird, wurde als Sohn des Häuslers Johann Georg Naumann und dessen Frau Anna Rosina in Blasewitz bei Dresden am 17. April 1741 geboren. Seine Eltern waren arme Leute; sein Vater war Landwirt und spielte Geige und Trompete, teils zur eigenen Freude, teils um an Sonntagen zum Tanz aufzuspielen und sich noch etwas dazu zu verdienen. Die Mutter betrieb einen Kaffeeausschank, wobei der von ihr gebackene Stangenkuchen sehr beliebt war.

Als Naumann 10 Jahre alt war, hatte er ein Erlebnis, das sich entscheidend auf sein weiteres Leben auswirken sollte. Sein Vater nahm ihn nach Dresden mit, und nach Erledigung einiger Geschäfte gingen die beiden in die in diesem Jahr fertiggestellte Hofkirche. Naumann wurde von der Orgelmusik und der Musik des Hoforchesters äußerst ergriffen. Er konnte gar nicht mehr aufhören, seiner Mutter davon zu erzählen und sein größter Wunsch war, am nächsten Sonntag wieder in die Hofkirche wandern zu können. Seine Mutter unterstützte seine Bitte, und von nun an durfte er ab und zu zu diesen musikalischen Veranstaltungen gehen. Er besuchte nun auch die Loschwitzer Schule und der Loschwitzer Organist gab Naumann Unterricht im Klavier- und Orgelspiel. Es war erstaunlich, was Naumann in drei Jahren lernte. Schon mit 12 Jahren durfte er im Gottesdienst die Choräle spielen. Der Wunsch des Vaters und Johann Gottliebs war, dass Naumann einmal Schulmeister werde. Aber die Mutter war strikt dagegen und plädierte für einen Handwerkerberuf. So wurde der 13-jährige Knabe nach Dresden in eine Schlosserlehre geschickt. Unter Tränen, aber dem Wunsch der Eltern gehorchend, arbeitete er einige Wochen bei dem Schlosser, doch nach leidensvoller Zeit entlief er seinem Meister. Die Eltern wollten ihn zurückbringen, jedoch Naumann erklärte, dass er sich eher das Leben nehmen werde, als wieder dorthin zurückzugehen. So gaben die Eltern nach und Naumann hütete die Kühe eines Bauern, bis sein ehemaliger Lehrer, der Kantor Müller, der die gute Stimme des Knaben kannte, empfahl, dass er sich in Dresden in der Kreuzschule als Sänger bewerbe. Im Sommer 1754 wurde Naumann Kreuzschüler. Täglich lief er zu Fuß in die Kreuzschule. Sein Mittagessen, das oft nur aus einem Pfennigbrot bestand, verzehrte er auf den Stufen der Frauenkirche sitzend.

Als Schüler des Organisten und Chorleiters Homilius, wirkte Naumann an Aufführungen von Oratorien, Festkantaten usw. mit. Abends übte er viel die Präludien und Fugen von Johann Sebastian Bach. Homilius war selbst ein Schüler Bachs gewesen und brachte dessen Musik natürlich seinen Schülern nahe.

In der kurfürstlichen Kapelle fanden viele Aufführungen von Hasse, dem damaligen Kapellmeister der Dresdner Hofkapelle, statt, die Naumann auch sehr liebte.

1756 brach der 7-jährige Krieg aus, die Preußen marschierten in Dresden ein und es begannen schwere Zeiten für die Bevölkerung. Eines Tages kam ein junger schwedischer Geiger, Weeström, nach Blasewitz und kehrte bei Frau Naumann ein. Er war erstaunt, auf dem Klavier Noten von Bach zu sehen. Auf seine Frage, wer das spiele, sagte Frau Naumann, dies sei ihr Sohn. Weeström wollte diesen Sohn gern kennenlernen und Naumann pilgerte nach Dresden in das Hotel de Saxe am Neumarkt, wo Weeström sich aufhielt. Er spielte ihm vor und Weeström war beeindruckt. Er fragte ihn, ob er mit ihm nach Italien, dem Wunschziel aller deutschen Musiker, kommen wolle. Dort könne er noch weit schönere Musik hören als hier in der Heimat und könne sich selbst zum Tonkünstler ausbilden. Naumann sah vor sich die Möglichkeit, vielleicht einmal ein Komponist wie Hasse zu werden oder ein Kantor wie Homilius. Begeistert eilte er nach Hause und schilderte seinen Eltern diese Aussichten. Die Eltern waren zunächst dem Plan abgeneigt – der Vater fürchtete hauptsächlich, dass sein Sohn dort katholisch werde, was er für ein großes Unglück hielt. Weeström aber wendete seine ganze Beredsamkeit auf, um die Eltern Naumanns von seinem Plan zu überzeugen und Naumann war überglücklich im Gedanken an die Möglichkeit, nach Italien zu wandern. Für die Eltern war schließlich noch der Gedanke maßgeblich, dass Naumann so nicht von den Preußen zum Militärdienst eingezogen werden könnte. Weeström versprach ihnen auch, wie ein Vater für den Jungen zu sorgen.

Im Mai 1757 fuhr Naumann mit Weeström zunächst nach Hamburg. Hier erkrankte Weeström und Naumann war sogleich, da Gelder, die Weeström erwartet hatte, nicht eintrafen und Weeström in keiner Weise bereit war, für ihn zu sorgen, auf seinen eigenen Unterhalt angewiesen. Durch die große Freundlichkeit eines anderen Schweden hatte Naumann das Glück, in dessen Haus aufgenommen zu werden. Dieser Schwede, der wohl bald den wahren Charakter Weeströms erkannte, forderte Naumann auf, seine Beziehung zu Weeström abzubrechen. Dies aber wollte Naumann nicht, noch immer hoffte er auf Fortsetzung der Reise nach Italien. Nach 10 Monaten, im April 1758, brach Weeström mit der Postkutsche auf. Naumann sagte er nichts davon, hinterließ ihm nur die Anweisung, wo er ihn treffen solle. Auf schlechten Straßen, bei schlechter Witterung und immer unter Gefahr von Truppen aufgegriffen zu werden, wanderte Naumann gen Süden. Als er Weeström nach langer mühseliger Wanderung wieder traf, war er halbverhungert und erfroren. Naumann sagte ihm, dass er entschlossen sei, die Reise so nicht fortzusetzen, sondern lieber bei fremden Menschen sein Auskommen suchen wolle. Aus Furcht ihn zu verlieren, da er sich noch manchen Nutzen von ihm versprach, nahm Weeström ihn dann mit der Postkutsche mit. Mitte Mai erreichten sie schließlich Venedig.

Nachdem Weeström sich entschlossen hatte, seine Geigenkenntnisse bei Tartini in Padua zu vervollkommnen, siedelten die beiden dahin über. Naumann fand zum Glück die Stelle eines Notenschreibers bei der vermögenden Dame, so dass er sich neue Kleidung kaufen konnte. Weeström nützte Naumann schamlos aus, borgte sich auch Geld, von dessen kargem Verdienst, das er nie zurückzahlte. Er drangsalierte Naumann in jeder Weise und nutzte ihn als Diener. Naumann hatte inzwischen Bratsche und Cellospielen gelernt, sah aber keine Möglichkeit, wie er so sehr gehofft hatte, seine musikalischen Studien voranzutreiben. Er trug einigen Musikern ihre Geigen zu Tartini. Er faßte sich eines Tages ein Herz und fragte Tartini, ob er wohl ab und zu bei seinem Unterricht zuhören dürfe. Tartini, den der junge Deutsche rührte, erklärte, wenn er Anlagen zur weiteren Ausbildung besitze, wolle er ihn umsonst unterrichten. Tartini war bald von dem Talent seines neuen Schülers überzeugt und ahnte, in ihm einen Schüler gefunden zu haben, der einst seines Lehrers Stolz und Freude sein würde.

Weeströms Verhalten wurde immer unverschämter, er versuchte, Naumann geradezu zu erpressen. Tartini schaltete sich ein, dem Naumann von seinen Nöten erzählt hatte, und Weeström wurde sein unehrenhaftes Verhalten vorgehalten. Schließlich verließ er Padua im September 1759 heimlich unter Zurücklassung von Schulden.

Naumann hatte zwei junge Sachsen, Hunt und Eyselt, in Padua kennengelernt. Diese waren bereits bei der Dresdner Hofkapelle angestellt und jetzt auf Kosten der Kurprinzessin Maria Antonia zur weiteren musikalischen Ausbildung nach Italien gereist. Zu diesen zog Naumann nun und war sozusagen Hunts Famulus. Wenn er auch für Hunt allerlei Besorgungen machte, so blieb ihm doch nun endlich genug Zeit, die nötigen Arbeiten und Übungen zu Hause auszuführen. Naumann spielte schon recht gut Bratsche und Klavier und wurde oft zu musikalischen Matineen oder Soireen herangezogen. Dadurch wurde er auch in das Haus des kurfürstlich-bayrischen Kapellmeisters Ferrandini eingeführt, der der erste musikalische Lehrer der Kurprinzessin Maria Antonia gewesen war. Die Bekanntschaft mit Ferrandini war für Naumanns Zukunft sehr wesentlich. Zunächst durfte er dessen Töchter in der Musik und der deutschen Sprache unterrichten. So war das Leben in Padua auch in finanzieller Hinsicht sehr viel leichter für Naumann geworden, doch verlor er sein oberstes Ziel, die Vertiefung seines Musikstudiums, nicht aus dem Auge.

Über ein Jahr war Naumann nun Schüler bei Tartini gewesen und verdankte ihm seine großen Fortschritte im Bratschenspiel. 1761 durfte er zusammen mit Hunt am theoretischen Unterricht bei Tartini teilnehmen. Er war Hunt bereits im Wissen überlegen, nahm aber diesen Unterricht als Repetition. Italienisch sprach er bereits ausgezeichnet. In Tartinis Haus lernte er auch den von ihm so verehrten Hasse kennen, der wegen der Kriegswirren daheim nach Italien gekommen war. Er gab diesem eine seiner musikalischen Studien zur Durchsicht, für die Hasse sehr lobende Worte fand. Naumann durfte Tartini auf gelegentlichen Reisen nach Venedig begleiten und fand dort auch Aufnahme im Familienkreis von Hasse.

In den letzten Augusttagen 1761 verließ Naumann mit einem Berliner Kapellmusiker Padua und brach mit ihm zusammen zu einer längeren Reise nach Neapel auf. Schließlich kamen die beiden Reisenden Anfang April 1762 nach Bologna , wo Naumann auf Anraten Tartinis den Unterricht des großen Kontrapunktisten Padre Martini2 für längere Zeit besuchen wollte. Der europäische Ruf Martinis stand dem Tartinis ebenbürtig zur Seite und kein deutscher Tonkünstler, der aus Italien heimkehrte und nicht ein halbes oder ganzes Jahr bei Martini Kontrapunkt studiert hatte, galt als fertig Ausgebildeter. Nach dem in Bologna verbrachten Sommer reiste Naumann nach Venedig und fasste dort als Musiklehrer festen Fuß. Durch Bekanntschaft mit dem k.k. Gesandten Graf von Rosenberg und einem Baron von Taxis, wurde Naumann die Tonsetzung einer komischen Oper für den Karneval 1762-1763 aufgetragen. Er hatte nur 4 Wochen Zeit, denn mit der neuen Oper sollte der Karneval eröffnet werden. Jetzt kam alles darauf an, dass Naumann mit dieser ersten Oper einen Erfolg erringen musste – und er hatte ihn. Eine Arie aus dieser Oper wurde auf lange Zeit die Lieblingsarie der ganzen Stadt. Giovanni Amadeo Naumann, wie er in Italien genannt wurde, hatte die ersten Stufen zum Erfolg erklommen. 1763 war endlich das Ende des 7-jährigen Krieges gekommen, doch Naumann sah noch keine Möglichkeit, daheim in Dresden ein Auskommen zu finden. Schließlich, nachdem er 1763/64 noch an einer Oper in Venedig mitgearbeitet hatte, wandte er sich an die Kurprinzessin Maria Antonia. Seine neueste Komposition sandte er an seine Eltern mit der Bitte, sie persönlich beim Kirchgang der Prinzessin zu überreichen. Naumanns Mutter war dazu auch sogleich bereit und hatte das Glück, dass die Prinzessin ihrer Erzählung von ihrem Sohn und seinen musikalischen Erfolgen in Italien lauschte.

Sie beschied die Mutter, nach 8 Tagen wieder vorzusprechen. Die regierende Kurfürstin-Mutter fand die Komposition ausgezeichnet, konnte sich jedoch nicht vorstellen, dass sie ganz allein von Naumann stamme (Naumann war damals erst 23 Jahre alt). Die Mutter wehrte empört solchen Verdacht ab, die Kurfürstin-Mutter war darüber nicht böse, wollte aber erst selber Erkundigungen einziehen. Glücklicherweise wandte sie sich mit ihrer Anfrage gerade an ihren ehemaligen Lehrer Ferrandini, der nur Gutes über Naumann berichten konnte. So erhielt Naumann Ende Mai 1764 die Zusage einer Versorgung am kurfürstlichen Hof und das Reisegeld zur Heimkehr.

Bei der Vorstellung bei Hofe musst er der Kurfürstin eine seiner jüngsten Kompositionen vorspielen und bekam den Auftrag, eine Messe als Probestück zu komponieren, um eine förmliche Anstellung bei Hof zu bekommen. Noch nie hatte Naumann ein geistliches Werk komponiert, doch machte er sich sogleich ans Werk. Nach 4 Wochen fand die Hauptprobe im Schloss statt, kurz danach die Aufführung in der katholischen Hofkirche, der auch die Eltern sehr bewegt zuhörten. Naumann wurde zum “Kirchen-Kompositeur” ernannt und erhielt ein festes Gehalt. Er widmete sich seiner Aufgabe mit großer Intensität, schrieb aber gleichzeitig für die Kurfürstin-Mutter 12 Duetti da Camera für 2 Soprane. Bis August 1765 war er in Dresden tätig, da schickte ihn die Kurfürstin zur weiteren Vervollkommnung seiner Talente wieder nach Italien. Zuvor hatte er noch den Titel “Kammercompositeur” erhalten. Auf seiner Durchreise durch Wien sah er Hasse wieder, der ihn mit großer Liebe empfing, dann ging es weiter nach Venedig. Von dort reiste er auch etliche Male nach Padua, um seinen alten Lehrer und Freunde wiederzusehen. In Venedig schrieb Naumann einige neue Kirchenmusiken, für einen Auftrag zu einer ernsten Oper war er aber zu spät angekommen. Er reiste im Herbst nach Neapel. Anfang des Sommers 1767 erhielt er aus Palermo den Auftrag, eine ernste Oper, nämlich Achilles zu Sciro zu komponieren. Er reiste im Juli nach Sizilien und im September wurde sie unter großem Beifall der Sizilianer aufgeführt. 1768 kehrte er nach Padua zurück und komponierte im Auftrag eines paduanischen Edelmannes das Oratorium La Passione di Gesu Christo, das mit großem Erfolg in der Jesuitenkirche aufgeführt wurde. Weiterhin bekam er vom venetianischen Theater di San Benedetto den Auftrag, eine ernste Oper Alessandro zu komponieren. Er wollte den Auftrag annehmen, wenn er weiteren Urlaub von Dresden bekäme. Von dort wurde ihm aber mitgeteilt, dass er für die Vermählungsfeierlichkeiten des inzwischen zur Regierung gelangten jungen Kurfürsten die Oper La Clemenza di Tito komponieren solle und schnellstens heimkehren müsse. In kürzester Frist komponierte er diese neue Oper, die ihm großes Lob eintrug. Sein Gehalt wurde auch erhöht, was für ihn, der seine Eltern und Geschwister noch unterstützte, sehr wichtig war. Einige Jahre ruhiger, regelmäßiger Tätigkeit folgten nun. Er trat auch in eine Freimaurer-Loge ein, in der er bis zu seinem Tod verblieb. 1772 durfte er abermals für ein Jahr nach Italien reisen. Seinen Bruder Gotthard, der Maler werden wollte, nahm er mit. In Venedig bekam Naumann den Auftrag für eine Oper Soliman. Er bekam gutes Gehalt zugesichert und hatte dieses Mal auch drei Monate Zeit für die Komposition. Naumann hielt diese Oper sein ganzes Leben lang für diejenige, in der sein Geschmack zum ersten Male sich in stärkerer Ausprägung, in größerer Festigkeit und Reife zeigen konnte und bewahrte ihr immer eine persönliche Vorliebe. Das Publikum war begeistert. Die Oper galt für die beste, die während dere Karnevalzeit 1772/73 erschienen war. Hasse sagte beim Verlassen des Operhauses zu Naumann: “Ich habe es ja vorausgesagt, dass aus Ihnen ein Mann werden wird, der uns Deutschen Ehre macht!” Von Padua erhielt er einen weiteren Auftrag für eine Oper Armida. Er erfüllte auch diesen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit aller. Zu seinem Kummer war sein geliebter Lehrer Tartini 1770 gestorben, den er so sehr verehrt hatte und auch sein ganzes Leben lang zum Vorbild nahm. 1773 schrieb er weitere Opern für Venedig und kehrte dann im März 1774 wieder in die Heimat zurück. Hier waren endlich die schlimmsten Folgen des Krieges überwunden und der junge Kurfürst Friedrich August III., der Enkel Friedrich August I. des Starken, der 18-jährig die Regentschaft übernommen hatte, gründete wieder ein Theater.

Naumanns Ruf hatte sich nun schon über die Grenzen seines engeren Vaterlandes verbreitet und so kam es, dass Friedrich der Große Naumann als Kapellmeister nach Berlin zu holen wünschte. Der König hatte nämlich einige Arbeiten Naumanns erhalten und schätzte sie überaus. Er ließ Naumann einlagen, zunächst eine Oper für den nächsten Karneval in Berlin zu komponieren. Naumann, der sich in der Heimat nicht Missdeutungen aussetzen wollte, lehnte mit einer Entschuldigung ab. Nun wurde ihm von Berliner Hof offiziell die großzügig und sehr begehrte Stelle als Kapellmeister angeboten, die den heimischen Verdienst bei weitem übertraf. Aber die Dankbarkeit gegenüber seiner Landesmutter Anna Amalia ließ ihn das Angebot ablehnen. Der junge Kurfürst in Dresden erhöhte jetzt sein Gehalt auf 1200 Taler jährlich (von Berlin waren ihm 2000 Taler mit fester Altersversorgung geboten worden).

Auch außerhalb seiner Dienstpflichten war Naumanns musikalische Wirksamkeit jetzt stark in Anspruch genommen. Er komponierte Lieder für Festtage in der Gräflich Brühlschen Familie zu Seifersdorf und erteilte Musiktheorie und Gesang.

Im Jahre 1776 wollte Schwedens König Gustav III. Kunst und Wissenschaft, wie es sie in den Residenzen wie Wien, München oder Dresden gab, auch nach Stockholm holen. Eine Oper sollte gegründet werden. Hier wollte er aber nicht Opern in italienischer Sprache hören, wie es sonst allenthalben üblich war. Er wollte eine nationale Oper haben, der stoff sollte der heimischen Geschichte entnommen sein. Er sah sich nach einem geeigneten Komponisten um und durch die Empfehlung der Gräfin Löwenhjelm fiel seine Wahl auf Naumann. Dieser wäre jetzt lieber in der Heimat geblieben, aber bald wurde ihm doch Urlaub gewährt. Über Berlin und Hamburg, wo er Klopstock besuchte, reiste er nach Stockholm. Hier wurde er in den vornehmsten Familien herzlich willkommen geheißen. Die Kapelle des Königs fand er aber weit unter seinen bescheidenen Erwartungen. Er hatte auch durch Unkenntnis der Landessprache mit Schwierigkeiten zu kämpfen und dem Ausländer wurde auch manche Missgunst entgegengebracht, aber nach und nach gelang es Naumann, ein ordentliches Orchester zusammenzustellen. Oft erschien der König auf den Proben. Zunächst wurden ältere Kompositionen komponiert (Amphion). Naumann hatte große Erfolge, man wollte ihn zum endgültigen Verbleib in Schweden unter Angebot sehr verlockender guter Besoldung bestimmen, aber er fühlte sich weiterhin seinem Vaterland verpflichtet. Er wollte nun aber eine weitere schwedische Oper komponieren. Weeström sah er nicht, er hörte aber, dass er sich in sehr armseligen Umständen befände und schrieb: “Wenn er käme, wollte ich ihm gern 100 Kupfertaler schenken, für alle die Schläge, die er mir ehemals verehrt hat. Ich würde ihm gewiss nicht Böses mit Bösem vergelten.”

Naumann hatte sich inzwischen in Blasewitz vor den Toren Dresdens ein Haus bauen können. Viele hohe Besucher gingen hier ein und aus, die Kurfürstin-Mutter, der Herzog von Kurland und die gräfliche Familie von Brühl. Sehr wahrscheinlich kannte er auch Schiller, der in jener Zeit bei Körner weilte. Der 15 Jahre jüngere Mozart hat ihn 1789 dort besucht. Naumann komponierte eine Oper, Cora, für Stockholm. Von dort kam die Bitte, ob er nicht bald wieder nach Stockholm kommen könne. 1782 war er wieder dort, die Aufführung der Oper musste wegen des Todes der Königinmutter aber aufgeschoben werden. 1783 wurde dann das neue Opernhaus in Stockholm mit Cora eingeweiht. Bei einer der Proben gewahrte er einen älteren Violinspieler und erkannte Weeström, der sich unbemerkt zurückziehen wollte. Naumann aber umarmte ihn und stellte ihn den Umstehenden mit den Worten vor: “Hier, meine Herren, sehen Sie den Mann, der mich einst mit nach Italien nahm. Ohne ihn wäre ich wohl jetzt ein armer unbekannter Dorfschulmeister.” Er beschenkte Weeström mit einer beträchtlichen Summe. Er hätte wohl noch mehr für ihn getan, wenn er nicht zuverlässige Nachricht bekommen hätte, dass diesem sonderbaren Mann sein störrischer, unverträglicher und boshafter Charakter bis ins Alter treu geblieben sei. Weeström selbst macht das Maß voll, indem er von Naumann 100 Taler über von ihm angeblich in Italien verursachte Unkosten forderte und ihm mit gerichtlichen Schritten drohte. Das war selbst für den langmütigen Naumann zu viel.

Cora wurde mit prächtigen Dekorationen und Kostümen eine großartige Einweihung des neuen Opernhauses. Zusammen mit Glucks Alceste und Piccinis Orlando wurde sie das ganze Jahr gespielt. Nun sollte eine neue Oper entstehen. Der König selbst war Urheber des Textentwurfs und der schwedische Dichter Kellegreen schrieb dann den eigentlichen Text, nicht ohne dass der König eigenhändig noch einiges abänderte. Die neue Oper hieß Gustav Wasa und sollte die Befreiung Schwedens vom dänischen Joch schildern. Im Herbst 1783 konnte Naumann die fertige Oper überreichen. Diese Oper wurde die schwedische Nationaloper und wurde 1991 wieder in Stockholm aufgeführt.

Auf der Rückreise von Stockholm reiste Naumann über die Residenz des Schweriner Hofes, Ludwigslust, wo er 1784 eine für das Herzogspaar komponierte Kantate zur Aufführung brachte. So wurde ihm überall große Anerkennung und Wertschätzung entgegengebracht, nur ausgerechnet in Dresden, im Kreis der im dienstlich Nahestehenden fühlte er sich nicht richtig beurteilt.

Anfang August 1784 fragte eine Kommission des dänischen Hofes bei Naumann an, ob er dem Verfall der Kopenhagener Hofkapelle abhelfen und sie leiten könne. Trotz seiner Verstimmung blieb Naumann aber seiner Heimat treu. Er lehnte die dänische Kapellmeisterstelle ab, schrieb aber, dass er sich auf einer neuerlichen Reise nach Schweden für einige Monate um die Kapelle kümmern werde, wenn er Urlaub bekäme. Im Spätherbst musste er der Kommission jedoch mitteilen, dass er keine Reiseerlaubnis bekommen habe. Das war für die Kopenhagener eine grosse Enttäuschung.

In Dresden hatte Naumann viel Besuch von interessanten Menschen, u.a. von einer Freifrau Elisa von der Recke, geb. Reichsgräfin von Medem. Sie berichtete, dass er auf der Glasharmonika gespielt habe. Naumann hat einige Stücke für Glasharmonika komponiert (von denen die Deutsche Grammophon-Gesellschaft eine Platte produziert hat). Auch das Herzogspaar von Kurland gehörte zu Naumanns Besuchern und Freunden. Es gab viele musikalische Abende und auch gemeinsame Ausflüge ins Seifersdorfer Tal bei Dresden, wo die gräfliche Brühlsche Familie ihr Anwesen hatte).

Erneut stellten die Dänen im Januar 1785 den Antrag, ob Naumann nach Kopenhagen kommen könne. Dieses Mal bekam er Urlaub von seinem Kurfürsten, und Naumann verpflichtete sich, 6 Monate lang die Kopenhagener Hofkapelle zu übernehmen. Im Juni traf er in Kopenhagen ein und fand die Kapelle in einem erbärmlichen Zustand mit ungenügenden Musikern. Er holte sich aus Deutschland begabte Leute und bald waren die Dänen erfreut über die Fortschritte der Musik in ihrem Land. Naumann verpflichtete auch jeden der sechs Konzertspieler des Hoforchesters, auf ihrem jeweiligen Instrument ein dänisches Landeskind auszubilden, das dann bei entsprechender Eignung in die Kapelle übernommen wurde. Trotz reichlicher Beschäftigung komponierte Naumann eine Oper in dänischer Sprache, Orpheus. Er erzielte große Erfolge mit ihr und erhielt 1000 dänische Taler – eine Summe, die noch kein anderer Kapellmeister dort bekommen hatte. Es war für Naumann ein großer Erfolg, dass sowohl Orpheus in Dänemark wie auch Gustav Wasa in Schweden mit großem Beifall aufgenommen worden war. Er hatte sich in beiden nordischen Ländern einen großen Namen erworben.

Bei seinem Aufenthalt in Kopenhagen lernte er auch seine spätere Frau, Katharina von Grodtschilling, Tochter eines dänischen Vize-Admirals, kennen. Die Hochzeit fand aber erst 1792 in Pretzsch an der Elbe statt, als Naumann schon 51 Jahre alt war. Dieser Ehe entstammen 4 Kinder, 3 Söhne und eine Tochter.

Im September 1786 sandte die königlich-dänische Kommission ein Berufungsschreiben an Naumann mit der Zusicherung einer glänzenden Besoldung und einer gesicherten Zukunft. Naumann war jetzt entschlossen, dieses Angebot anzunehmen und doch von Sachsen Abschied zu nehmen. Er machte eine Eingabe um Entlassung an seinen Vorgesetzten, einen Herrn von König. Jetzt aber bemühte man sich in Sachsen, Naumann zu halten und machte ihm weitgehende Zugeständnisse, was seine dienstlichen Verpflichtungen betrag und in bezug auf seine Besoldung, die entscheidend erhöht werden sollte. Aus allen diesen Angeboten ersah Naumann, wie sehr man ihn schätzte und wie man sich bemühte, ihn am sächsischen Hof zu behalten. Er willigte ein und unterzeichnete eine Erklärung, dass er nie die kursächsischen Dienste verlassen und auf keine weitere Verbesserung einen Anspruch erheben werde. In Kopenhagen war man über diese Entwicklung der Dinge längere Zeit sehr verstimmt.

In Berlin war Friedrich der Große am 17.08.1786 gestorben und sein Neffe, Friedrich Wilhelm der II. bestieg den preußischen Thron. Er war wie sein Onkel ein warmer Verehrer Naumanns. Friedrich Heinrich Himmel, der spätere Berliner Hofkapellmeister, trug dem König den Wunsch vor, theoretische musikalische Studien bei Naumann in Dresden machen zu dürfen. Der König antwortete: “Was mir’s lieb ist, dass sie Den wählen! Bei einem andern Meister hätte ich geschwiegen, aber hier gebe ich sogleich meine Einwilligung – werde ihm selbst schreiben!” So wurde Himmel noch gegen Ende 1786 Naumanns Schüler und genoss dessen Unterricht über drei Jahre. Im nächsten Jahr (1787) erhielt Naumann aus Berlin die Anfrage von König Friedrich Wilhelm, ob er geneigt sei, eine Oper Medea für ihn zu komponieren. Die fertige Oper machte Naumann etliche Mühe. Den etwas langatmigen Text hatte der preußische Hofdichter Filistri geschrieben und erst 1788 konnte die fertige Oper an des Königs Geburtstag in Berlin aufgeführt werden – wieder mit großem Erfolg. Eine zweite Oper Protesilaos komponierte Naumann später auch noch für den preußischen König auf dessen Bitte. Naumann bildete auch auf Wunsch des Königs eine Sängerin aus, Amalie Schmalz und die bald eine der ersten dramatischen Sängerinnen Deutschlands wurde. Bei seinen häufigeren Besuchen in Berlin lernte Naumann auch die “Berliner Singakademie” kennen und komponierte für sie einen Psalm. Nichts wünschte er mehr, als in Dresden einen ähnlichen Chor zu haben. Zu seinen Lebzeiten erlebte er eine solche Gründung nicht mehr, aber 1807 wurde die “Dreißigsche Singakademie” gegründet und hat in den ersten drei Jahrzehnten ihres Bestehens stets Naumannsche Musikstücke als stehende Nummern auf ihren Jahresrepertoiren gehabt. Ein Ölbild von Naumann zierte ihren Übungssaal.

Naumann zog im Jahre 1798 in den dritten Stock eines der hervorragendsten Gebäude Dresdens, des Hotel de Saxe. Von hier aus sah Naumann auf die am Neumarkt gegenüberliegende Frauenkirche, auf deren Stufen er fünf Jahrzehnte zuvor als Kreuzchorschüler sein kärgliches Mittagsbrot verspeist hatte. In diesem Haus war er auch zum ersten Mal Weeström begegnet, der ihn zu der Wanderung nach Italien aufgefordert hatte. Hierin sah Naumann wieder die Wege der Vorsehung walten. Viele junge Musiker suchten bei ihm weitere Ausbildung und so war Naumann in seinem letzten Lebensjahrzehnt vorzugsweise auch als Lehrer tätig. Kompositorisch wandte sich Naumann in seinem letzten Lebensjahrzehnt von 1792 – 1800 vor allem geistlicher Musik zu. Er schrieb z.B. das Oratorium David im Terebinthentale. Außerdem komponierte er dieMusik zu Schillers Die Ideale. Körner, mit dem Naumann auch schon Jahrzehnte gut befreundet war, sandte diese Vertonung sogleich an Schiller. Naumann schrieb die Musik zu einigen Oden und zu dem als Psalm bezeichneten Vater Unser von Klopstock. Über ein Jahr beschäftigte er sich mit dieser Komposition und als sie im Mai 1799 in der Kirche zu Dresden-Neustadt uraufgeführt wurde, war das ein musikalisches Ereignis von höchsten Rang in Dresden, zu dem auch viele auswärtige Besucher kamen. Den Ertrag stiftete Naumann für die von dem Eisgang und der Elbflut des Winters 1799 geschädigten Dresdner. Am 21. Oktober fand noch einmal eine Aufführung dieses Oratoriums unter Naumanns Leitung statt, der Ertrag wurde zur Unterstützung des Stadtkrankenhauses gestiftet.
naumann_grab

Am 11. Mai 1801 leitete Naumann in Prag eine Aufführung dieses selben Oratoriums. Nach seinem Tod wurde es noch mehrmals aufgeführt, und zwar in Berlin, Breslau, Quedlinburg und Amsterdam.

Aus Prag kehrte Naumann über Teplitz, wo er eine Badekur machte, nach Dresden zurück. Dort wurde im Oktober seine Oper Acis und Galatea uraufgeführt. Noch die 7. Vorstellung war ebenso besucht wie die erste. Naumann lud die mitwirkenden Sänger am 19. Oktober zu einem gemeinsamen Mahle ein. Am 21. Oktober, nach einer Zusammenkunft mit der gräflichen Familie Brühl, ging Naumann durch den Großen Garten, einem Park in Dresden; er erlitt einen Schlaganfall und lag dort die ganze Nacht hilflos. Am nächsten Tag, nachdem man ihn gefunden und nach Hause gebracht hatte, starb Naumann. Es war der 23.10.1801. Er wurde auf dem Dresdner Eliasfriedhof begraben. Körner dichtete die folgenden Distichen, die auf der Grabplatte angebracht wurden:

Nur auf des Meisters Gebot entsteht im Reiche der Töne,
Was den Denker erfreut, wie es den Hörer entzückt.
Aber dies genügt Dir nicht, an dessen Grabe wir trauern;
Hoch über irdischen Dienst hobst Du den Zauber der Kunst.
Seele spracht zur Seele, die Schranken der Endlichkeit schwanden,
Und in der Seligen Reihe lohnt Dir die Palme dafür.

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letzte Aktualisierung: 14.04.2007
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